Bourbonnais

Eine kleiner, eher unscheinbarer Ort namens Jenzat, gelegen im Boubonnais nicht weit entfernt von Vichy, sollte einmal Musikgeschichte schreiben. Von Paris kommend ließ sich 1795 der erste Drehleierbauer mit Namen Pajot dort nieder, nachdem die Drehleier in der Hauptstadt Frankreichs als Modeinstrument nicht mehr gefragt war. Daraus erwuchs eine ganze Dynastie von Pajots, die – neben einigen anderen bekannten Instrumentenmachern – bis in das 20. Jahrhundert hinein Drehleiern in ihren kleinen Werkstätten fertigten. Von dort nahmen sie ihren Weg durch ganz Frankreich und über die Grenzen Frankreichs hinaus. Auch wenn Jenzat keineswegs der einzige Ort war, an dem gute Instrumente hergestellt wurden, so haben sie doch am nachhaltigsten Klang und Erscheinungsbild der Drehleier bis heute beeinflusst und Jenzat wurde zu einem Synonym für diesen Drehleiertypus.

War die Drehleier des 18. Jahrhunderts ein eher kammermusikalisches Instrument, so musste sie im 19. Jahrhundert auf veränderte Anforderungen, nämlich vorwiegend für die Tanzmusik der ländlichen Bevölkerung angepasst werden; ein voluminöser Korpus und eine Weichholzdecke für mehr klangliche Tragfähigkeit sorgten für die nötige Durchsetzungskraft. Regionale Stilelemente flossen in die Verzierungen der Drehleier ein. Demgegenüber kam vermehrt Knochen statt des teuren Elfenbeins zum Einsatz. Vom Perlmutt als dekoratives Element wurde aus Kostengründen auch das ausgesägte „Negativ“ verwendet (s. Foto unten).

Dennoch kann man nicht pauschal von einer Vergröberung des nunmehr ländlichen Musikinstrumentes sprechen – auch im 19. Jahrhundert wurden ausgesprochen prunkvolle Drehleiern gefertigt. Und wer sich für die Drehleier begeistert, kann sich heute – bei aller Weiterentwicklung des Instruments – kaum der Strahlkraft einer NIGOUT, PIMPARD oder PAJOT entziehen.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass der Bourbonnais seither eine Region mit besonders hoher „Drehleier-Dichte“ ist.

Ferdinand Montel*

Marien Bétoin*

vor dem neuen Theater in Néris-Les-Bains

*Dass die abgebildeten Musiker hier einen Namen haben, verdanke ich den zahlreichen Publikationen des unermüdlichen Forschers Jean-François CHASSAING, Kurator des MAISON DU LUTHIER/MUSÉE, Jenzat (Allier), insbesondere seiner akribischen Arbeit JOUEURS DE VIELLE EN FRANCE (2014). Merci!

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